Geschichte unserer Freimaurer Loge

„Wer nicht von dreytausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleibt im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.“

Der Freimaurer J. W. von Goethe macht mit diesen Zeilen aus dem „West-Östlichen Divan“ darauf aufmerksam, dass wir im Dunkeln bleiben, wenn wir nicht wissen woher wir kommen, wenn wir nicht wissen, worauf wir gegründet sind. Betrachten wir die Menschheit, dauert das Leben eines Einzelnen nicht länger als ein Wimpernschlag. Verbinden wir uns aber mit der Geschichte, auf der wir geründet sind, verlängert sich unsere Zeit und wir verbinden uns mit den Generationen vor uns.
Wir wollen daher versuchen, die Geschichte unserer Freimaurer Loge in die Geschichte der Freimaurerei einzubetten. Zusätzlich wollen wir an diversen Stellen Bezüge zum parallel stattfindenden Weltgeschehen herstellen.

Das Zeitalter der Vernunft

Die Freimaurerei wird immer wieder in Verbindung gebracht mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Sicherlich kann davon ausgegangen werden, dass sich Aufklärung und moderne Freimaurerei gegenseitig befruchtet haben. Allerdings wird der politische Einfluss der Freimaurerei bisweilen wohl stark überschätzt.

Die Aufklärung hatte viele geistige Eltern: Humanismus, Rationalismus und Empirismus erlebten nach dem langen Mittelalter bereits in der Renaissance und im Barock eine neue Blüte. Wegbereiter der Aufklärung waren z. B. Francis Bacon, Galileo Galilei oder Issac Newton um nur einige zu nennen. Deren Philosophie und naturwissenschaftliches Weltbild bauten die klassischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts zu einer allgemeinen Weltanschauung aus: Vernunft, Toleranz, Freiheit, Humanismus, Mut zur Kritik. Wohlbekannte Beispiele sind der Freimaurer Gotthold Ephraim Lessing sowie der Königsberger Philosoph Immanuel Kant. Andere große Namen der Aufklärung waren John Locke, George Berkeley, David Hume und Jean-Jacques Rousseau.

Allerdings verleiten die großen Namen und Ideen uns dazu, jene Zeit allzu verklärt zu betrachten. Denn auch das 18. Jahrhundert war geprägt von zahlreichen politischen Auseinandersetzungen und Kriegen.

England

Der Beginn der modernen Freimaurerei wird allgemein an der Gründung der Großloge von London am 24. Juni 1717 festgemacht. Das ist die Großloge, von der bis heute die Anerkennung aller regulären Großlogen und Logen weltweit abhängt. Die Gründung der Großloge von London fällt in eine Zeit, in der sich bereits diverse unterschiedliche freimaurerische Strömungen entwickelt hatten und sich viele alte englische Logen in einer Phase der Auflösung befanden. Dem konnte auch die anfangs relativ bedeutungslose Großloge wenig entgegensetzen.

Diese Situation änderte sich mit der der Wahl von John Theophilius Desagulier zum dritten Großmeister am 24. Juni 1719. In der Folgezeit dehnte sich die Großloge von 16 Tochterlogen im Jahr 1721 auf 109 im Jahr 1732 aus. Desagulier war es gelungen, einflussreiche Zeitgenossen für die Freimaurerei zu gewinnen und die Freimaurerei gesellschaftlich zu etablieren.

Das alles klingt allerdings harmonischer als es damals wohl wirklich war: 1723 verfasste James Anderson die „Alten Pflichten“, eine Art freimaurerische Konstitution. Diese enthalten auch Ausführungen zum Verhältnis der Freimaurerei zu Gott und zur Religion. Die unterschiedlichen Fassungen führten zu erheblichen Auseinandersetzungen und letztendlich auch zur Aufspaltung der Freimaurerei: Musste ein Freimaurer an einen theistischen, eventuell sogar christlichen Gott glauben? Oder reichte es aus Deist zu sein? Während die Grand Lodge of England am Deismus festhielt, spalteten sich 1751 die “Ancients” ab. Sie warfen der Großloge vor, sich nicht an die alten Bräuche zu halten und verwarfen in Ihren Konstitutionen ausdrücklich auch den Deismus.

Deutschland

20 Jahre nach der Gründung der Londoner Großloge, wurde im Jahr 1737 in Hamburg die erste Loge auf deutschem Boden gegründet, die „Loge d` Hambourg“. In den folgenden Jahren entstanden in Deutschland diverse Großlogen. Allein in Preußen waren es drei:

Allerdings schlug die Freimaurerei in Deutschland auch Irrwege ein: In der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand in Deutschland das Hochgradsystem der „Strikten Observanz“. Dieses lehnte sich an den Templerorden an und war in seinem Aufbau streng hierarchisch und absolut intransparent. Es soll von sogenannten „unbekannten Oberen“ geleitet worden sein. Nicht nur Lessing und Goethe kritisierten die „Strikte Observanz“ massiv, auch der spätere Gründer unseres Freimaurerordens, Johann Wilhelm Kellner von Zinnendorf wandte sich von ihr ab.

Auf der Suche nach freimaurerischer Vertiefung wandte Zinnendorf sich an die schwedische Großloge. Von dort erhielt er über den schwedischen Großmeister Friedrich Eckleff (1723 bis 1784) einen Freibrief zur Gründung eines Freimaurerordens nach Schwedischer Lehrart sowie die dazu notwendigen Akten (die sog. „Eckleff´schen Akten“). Darauf aufbauend wurde am 27. Dezember 1770 die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland (Freimaurerorden) gegründet.

Der Freimaurerorden

Die Eckleff´schen Akten werden nach heutigem Forschungsstand weitestgehend als Eigenschöpfung Eckleffs angesehen, wobei Eckleff wohl eine Vielzahl von Quellen und Einflüssen miteinander verband, darunter alte französische Rituale, die auf der Handwerkstradition aufbauen, Referenzen an den Johanniter-Orden und die Templer sowie rosenkreutzerische und kabbalistische Elemente.

Der Freimaurerorden hat daher nicht nur humanistische Wurzeln, die auf die Zeit der Aufklärung zurückgehen. Er hat ebenso mystische, religiöse und auch ritterliche Elemente, die auf das Mittelalter verweisen.

Eine weitere Besonderheit in diesem Zusammenhang ist das Bekenntnis des Freimaurerordens zur christlichen Lehre:

Das „Supreme Being“ der englischen Freimaurerei wird im Freimaurerorden unter dem Namen des „Dreifach Großen Baumeisters der ganzen Welt“ verehrt, und wir als Ordensfreimaurer bezeichnen Jesus Christus als unseren „Obermeister“. Der Freimaurerorden fordert das Bekenntnis zur „alleinigen Lehre Jesu Christi“  nicht aber das Bekenntnis zu einer bestimmten (christlichen) Religionsgemeinschaft.
Was heißt das nun für die Betrachtung der Geschichte unserer Loge? Zwar wurde das Licht erst 1772 in unsere Loge eingebracht, aber das Licht auf dem wir gründen ist viel älter. Wir gründen auf den Ideen der Aufklärung, des Humanismus der Renaissance und der Antike aber eben auch auf der christlichen Mystik des Mittelalters und vor allem auf der Lehre unseres Obermeisters.

Das Jahr 1772

Die Loge Zum Todtenkopf wurde am 21. März 1772 in Königsberg gegründet. Was war das für eine Zeit?

Neun Jahre vor der Gründung unserer Freimaurer Loge endete der Siebenjährige Krieg (1756 bis 1763). Ohne Kriegserklärung war Friedrich II in Sachsen einmarschiert, um einem möglichen Angriff von Österreichern, Russen, Franzosen und Sachsen zuvorzukommen. Der Krieg tobte in ganz Europa, auch auf ostpreußischem Gebiet. Am Ende wurde durch den Frieden von Hubertusburg, am 15. Februar 1763, schließlich der „Vorkriegszustand“ wiederhergestellt. Der Krieg kostete allein auf preußischer Seite 180.000 Soldaten das Leben.
Auf den ersten Blick erscheint es erstaunlich, ausgerechnet in einer Zeit wie dieser eine Johannisloge zu gründen, um freimaurerische Tugenden und Ideale zu leben.

Die Gründung des „Todtenkopfes“

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Logengründer Friedrich Ernst Jester

Trotz alledem – oder vielleicht gerade deswegen – fanden sich am 21. März 1772 fünf Freimaurerbrüder in einem Garten in Königsberg ein und gründeten – noch ohne Ritualgegenstände und Akten – die Loge  Zum Todtenkopf. Unser erster Logenmeister war Friedrich Ernst Jester. Er war bei der Logengründung gerade einmal 29 Jahre alt und sollte die Loge 48 Jahre lang bis 1818 führen.

Nach der Gründung des Todtenkopfes schrieb Jester an Zinnendorf:„Wenn auch die Zahl der Brüder klein ist, die sich an einen beschwerlichen Weg wagen, und die hiesig zahlreiche und blühende Loge der strikten Observanz unserem Unternehmen Hindernisse in den Weg legt, so wird es unserem Eifer gelingen, jenen zu mehren, diese zu überwinden.“

Die „Strikte Observanz“ war in Königsberg durch die Loge „Zu den drei Kronen“ stark vertreten. Diese hatte 1771 ein neues Domizil am Königsberger Schlossteich bezogen. Aber an Selbstbewusstsein und finanziellen Mitteln fehlte es unseren Gründervätern wohl nicht. Nur vier Jahre nach den „Drei Kronen“ bezog auch der Todtenkopf, nach einem kurzen Intermezzo in der Tragheimer Pulverstraße, sein Logenhaus in unmittelbarer Nachbarschaft am Schlossteich.

Der Todtenkopf wuchs und gedieh prächtig. Am Ende des ersten Logenjahres zählte die Loge 34 Brüder, nur drei Jahre später, im Jahr 1775 gehörten ihr bereits rund 450 Brüder an.

Die Gründung des „Phönix“

Jester schlug den Brüdern aufgrund des enormen Wachstums des Todtenkopf 1775 vor, eine weitere Loge zu gründen. Noch im selben Jahr wurde die neue Loge Zum Phönix ausgerufen. Beide Logen, Todtenkopf und Phönix, vereinbarten, dass über die Aufnahme neuer Brüder stets in beiden Logen abgestimmt werden musste, arbeiteten im selben Haus und teilten sich die Ausstattung. Beide Logen gediehen – wie auch die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland, unter deren Obödienz sie arbeiteten – prächtig.

Das Logenhaus im Hintertragheim der Johannisloge "Zum Todtenkopf"

Das Logenhaus des „Todtenkopf“ in der Tragheimer Pulverstraße

Allerdings wurden beide Logen bald von ihrer Zeit heimgesucht: Die Französische Revolution (1789 bis 1799) stellte eine Zäsur in der europäischen Geschichte dar, die auch das Logenleben nicht verschonte. Während der folgenden Koalitionskriege versuchten verschiedene europäische Mächte sich ab 1792 zunächst dem revolutionären, später dem napoleonischen Frankreich entgegenzustellen. Napoleon war 1799 zum 1. Konsul der Republik geworden und hatte sich 1804 selbst zum Kaiser gekrönt. Preußen verhielt sich in dieser Zeit ambivalent. Zunächst hatte man sich Frankreich noch entgegengestellt. Doch der junge König Friedrich Wilhelm III wollte sich zunächst nicht an neuen Koalitionen gegen Napoleon beteiligen. Erst nachdem Napoleon Kaiser Franz II gezwungen hatte, die Reichskrone niederzulegen und damit das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufzulösen, stellte sich Preußen Napoleon entgegen und erklärte am 9. Oktober 1806 Frankreich den Krieg. Zweieinhalb Wochen später marschierte Napoleon in Berlin ein. König Friedrich Wilhelm III war zuvor samt Hof und Familie nach Ostpreußen geflohen. Preußen verbündete sich nun mit Napoleon und stellte ihm für den später gescheiterten Russlandfeldzug rund 23.000 Soldaten. Erst 1813 stellte sich Preußen an der Seite Österreichs Frankreich wieder entgegen. Die Völkerschlacht bei Leipzig läutete das Ende Napoleons ein. Allein in diesen drei Tagen (16. bis 19. Oktober 1813) verloren ca. 90.000 Soldaten ihr Leben. Zwar kam Napoleon 1815 noch einmal aus der Verbannung zurück. In der Schlacht von Waterloo wurde er von Briten, Niederländern und Deutschen gemeinsam endgültig besiegt.

Das Logenhaus am Schloßteich

Das Logenhaus des „Todtenkopf und Phönix“ am Schloßteich

Schwere Zeiten –  Die Jahre 1818 bis 1849

Drei Jahre später, im Jahr 1818, übergab unser erster Logenmeister Jester den Hammer an C. H. Gruber. Nach dem Krieg und den vielen Schlachten kehrten viele Brüder nicht wieder zurück oder verließen das wirtschaftlich schwächelnde Königsberg. 1820 übernahm C. F. W. Riemann für 12 Jahre den Hammer des Todtenkopf, 1832 A. Fr. Krah.
Nie wieder hat das freimaurerische Leben in Königsberg und Preußen die Blüte des 18. Jahrhunderts erreicht. So kam es dann auch, dass 1832 beide Logen zur Vereinigten Johannisloge Loge Zum Todtenkopf und Phoenix vereinigt wurden.

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Die Jahre 1850 bis 1875

Es gab immer wieder Logenmeister, die lange die Geschicke unserer Loge lenken durften. Der nächste „Langläufer“ war J. F. A. Kause, der den Hammer 17 Jahre lang führte (1850-1867). Ihm folgten F. A. Hoffmann (1868 bis 1870) und Klimowicz (1871 bis 1875).
In diese 25 Jahre fallen drei weitere geschichtliche Ereignisse von erheblicher Bedeutung für Preußen: Im Preußisch-Deutschen Krieg von 1866 besiegte das Königreich Preußen das Kaisertum Österreich und verleibte sich viele Gebiete nördlich des Mains ein. Die Stärke Preußens sowie die Annäherung der deutschen Länder veranlassten Napoleon III im Sommer 1870, Preußen den Krieg zu erklären. Allerdings verlief dieser Deutsch-Französische Krieg für Frankreich katastrophal: Deutsche Truppen besetzten Paris, worauf am 18. Januar 1871 der preußische König Wilhelm I. – nun Deutscher Kaiser – im Spiegelsaal von Versailles die Gründung des Deutschen Reiches ausrief.

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Die Ära Otto Hieber – 1885 bis 1922

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Otto Hieber – Logenmeister von 1885 bis 1922

Vierzehn Jahre später, am 25. Januar 1885, wurde Otto Hieber zum Logenmeister gewählt und am 22. März in sein Amt eingesetzt. Hieber führt den Hammer 37 Jahre lang (1885 bis 1922). Er schrieb die bis heute Freimaurerorden gültigen  Leitfäden für die Johannisgrade, wurde 1885 wortführender Andreasmeister und 1889 Kapitelmeister.

Auch zu Hiebers Zeiten änderte sich das Umfeld für die Loge grundlegend:
Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand ermordet und Österreich zog gegen Serbien in den Krieg. Durch die Beistandsverpflichtung des Deutschen Reiches wurde aus dem lokalen Krieg ein Flächenbrand:

Der erste Weltkrieg tobte von 1914 bis 1918. Es folgte die Novemberrevolution von 1918/1919, die schließlich mit der Verkündung der Weimarer Verfassung endete. Das deutsche Kaiserreich wurde zur Weimarer Republik, das Königreich Preußen zum Freistaat.

Der Erste Weltkrieg kostete fast zehn Millionen Soldaten und weiteren sieben Millionen Zivilisten das Leben.

Unser späterer Logenmeister R. Armstedt beschreibt den Beginn der Nachkriegszeit im Jahresbericht der Loge wie folgt: „Als der schmachvollste Frieden, den Deutschland jemals geschlossen hat, dem furchtbaren Kampf, bei dem Millionen von Menschen ihr Leben lassen mussten, ein Ende gemacht hatte, sollte Deutschland mit der verlogenen Phrase von Frieden, Freiheit und Brot betört werden. Das Gegenteil von allem trat ein. Weder die äußeren Feinde dachten daran dem deutschen Volk Erholung und Gesundung zu gönnen, noch schreckten die inneren Feinde davor zurück, dem äußeren Krieg einen Bürgerkrieg folgen zu lassen. Freiheit gab es nur für die herrschenden Parteien  und Brot; die notwendigsten Nahrungsmittel waren bei der bis ins Unglaubliche gestiegenen Teuerung von der hungernden Bevölkerung kaum zu beschaffen. Streik folgte auf Streik und trieb die Preise unhaltsam in die Höhe, die Verkehrsmittel versagten und der Kommunismus machte Miene, die letzten Säulen der Ordnung zu stürzen. Wucher und Schiebung blühte und immer tiefer sank die sittliche Kraft des deutschen Volkes. Der nackte Materialismus begann sich aller Schichten der Bevölkerung zu bemächtigen. So war der Zustand unseres Volkes, als der sogenannte Frieden und die neue Freiheit ihren Einzug in das Deutsche Reich gefunden hatten.“

Logenmeister R. Armstedt

Logenmeister in schwerer Zeit: R. Armstedt

Bis 1919 diente das Logenhaus als Kriegslazarett. Die beginnende Inflation machte sich überall bemerkbar. Egal ob Geschirr, Pensionen der dienenden Brüder, Beleuchtung oder Heizung, die Preise erreichten nie dagewesene Höhen. Zwar sprangen der Loge immer wieder hilfsbereite Brüder mit Spenden zur Seite, dennoch mussten Beiträge und Beförderungsentgelte laufend angehoben werden und „viele Brüder sahen sich gezwungen für die Brudermahle ihre Butterbrote mitzubringen und auf Wein zu verzichten.“

Auch um die Sicherheit war es in diesen Tagen schlecht bestellt. In Königsberg formierte sich eine Bürgerwehr, die des Nachts auf den Straßen patrouillierte. Nach einem Einbruch in der Drei-Kronen-Loge entschloss sich auch unsere Loge eine Nachtwache mit drei bis vier Brüdern einzurichten.
In diese Zeit fällt auch die „Chicagospende“ – ein Zeichen der weltumspannenden Bruderkette der Freimaurer und der Barmherzigkeit ausländischer Brüder: Der Meister- und Altmeisterclub in Chicago spendete der Großen Landesloge 10.000 Dollar. Davon erhielt unsere Loge 3.500 Mark, mit dem Auftrag diese an „arme siechende, hungernde und frierende Kinder bis zu 14 Jahren zu verteilen.“

Auf dem Weg in die „Dunkle Zeit“ – Die Jahre 1923 bis 1934

Auf Hieber folgten zu Zeiten der Weimarer Republik noch drei weitere Logenmeister: R. Armstedt (1923), J. Weise (1924 bis 1929) und J. Perrey (1930 bis 1934).
1925 wurde, nach der Hyperinflation der Jahre 1922 und 1923, die Reichsmark eingeführt; die vierte Währung in drei Jahren. Die Loge erholte sich in diesen Jahren zunehmend. Allein 1923 wurden 27 neue Brüder aufgenommen. Der Todtenkopf und Phoenix zählte zu diesem Zeitpunkt 511 Mitglieder und das Logenhaus wurde wieder ein kulturelles Zentrum Königsbergs.
Doch die goldenen zwanziger Jahre verdunkelten sich schnell, unter anderem durch die Ludendorffsche Hetze gegen die Freimaurerei. Im September 1927 sahen sich die drei Königsberger Logen veranlasst, sich gemeinsam gegen die Angriffe Ludendorffs in der Königsberger Zeitung zu „erklären“. Dennoch verfehlten die Angriffe nicht Ihre Wirkung.
Leider musste Otto Hieber die aufkommende Hetzte gegen die Freimaurerei noch miterleben, er starb 1929 im Alter von 89 Jahren. Die Traueranzeige unserer Loge endete mit den Worten: „Solange unsere Loge bestehen wird, wird sein Lebensbild unter uns in Segen weiterleben“. Das war fünf Jahre bevor unsere Loge verboten wurde.
In Hiebers Todesjahr machte die Weltwirtschaftskrise den „goldenen zwanziger Jahren“ endgültig den Gar aus. Die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich in den nächsten Jahren und auch in Königsberg kämpften immer mehr Menschen ums nackte Überleben. Die Menschen radikalisierten sich. Gerade in Ostpreußen fiel die nationalsozialistische Bewegung auf fruchtbaren Boden. Das bekamen die Brüder auch beim Verlassen des Logenhauses zu spüren. Wurden Sie zunächst noch von SA und SS angepöbelt gingen die Anfeindungen 1931/32 in Handgreiflichkeiten über. Dennoch versuchten der Freimaurerorden und seine Tochterlogen, zunächst, ihre Arbeit aufrechtzuerhalten.

J.Perrey

Logenmeister Julius Perre stellte sich vergeblich der Gestapo und SS entgegen.

Dann kam das Jahr 1933, das Jahr der Machtergreifung Hitlers – die Welt verdunkelte sich.
In diesem Jahr wurde auch das Logenhaus des Todtenkopf und Phönix von der Gestapo besetzt und von der SS durchsucht. Dabei plünderten die Nazis alles Wertvolle, verbrannten andere Gegenstände auf dem Hof oder gaben diese der Lächerlichkeit preis. Der Zugang zum Logenanwesen wurde den Brüdern verwehrt, nachts stellte die SS Wachen auf dem Gelände auf. Als der Logenmeister Julius Perry versuchte Widerstand zu leisten, wurde er nach einer Hausdurchsuchung von der Gestapo verhaftet. Die Loge wurde am 14. Januar 1934 vom damaligen Innenministerium verboten. Julius Perry starb 1936.

Auch anderen Logen erging es nicht besser: Es gab Brüder, die fest zu Ihrer Loge standen, andere traten aus, um eine gewisse „Unaufrichtigkeit der NSDAP gegenüber“ zu vermeiden. Auch wurde vielfach versucht, mit den Behörden und der NSDAP eine einvernehmliche Lösung herbeizuführen, doch das war eine Illusion. So benannte sich beispielsweise der Freimaurerorden 1933/34 in „Deutsch-Christlicher Orden der Tempelherren“ um und verbannte jedwede alttestamentarische Symbolik aus seiner Lehre – so wurde z.B. der Salomonische Tempel durch das Straßburger Münster ersetzt . Am Ende wurden dennoch alle Logen und Großlogen zur Auflösung gezwungen. Der Freimaurerorden löste sich am 16. Juli 1935 auf. Die „Dunkle Zeit“ war nun endgültig über die deutsche Freimaurerei hereingebrochen.
Drei Monate später wurden die Nürnberger Gesetzte erlassen. Knapp vier Jahre später, am 1. September 1939, begann mit dem Angriff der Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg.Während des Krieges verloren mindestens 55 Millionen Menschen ihr Leben, davon ungefähr 39 Millionen alleine in Europa. Die weltweiten Verluste und Gräueltaten an der Zivilbevölkerung waren unvorstellbar.

Neuanfang in Berlin nach 1945

Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland mit einer inhaltlichen Rückbesinnung auf die christliche Tradition im schwedischen System. 1947 wurden in Westdeutschland und Westberlin die ersten Logen wieder reaktiviert. Darunter war auch unsere Loge.

Rogorusky

Logenmeister Rogorusky

Der bereits 1933 aus Ost-Preußen nach Berlin geflohene Bruder Rogorusky bemühte sich seit 1945 intensiv darum, das Logenleben wieder aufzubauen. Zusammen mit dem aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Gotthard Kecker gelang es ihm am 22. Mai 1947 unsere Loge in Berlin wieder einzurichten. Zusammen mit anderen Logen bezog der Todtenkopf und Phoenix das halb zerstörte Ordenshaus der Großen Landesloge in der Eisenacher Straße. Zur Wiederaufnahme meldeten sich 21 Brüder aus Königsberg. Ein Jahr später war die Loge bereits auf 59 Brüder angewachsen.

Die Arbeit war nicht einfach. Aus den nun polnischen und russischen Gebieten des vormaligen Ostpreußens kamen mittellose Königsberger Brüder nach Berlin und bewarben sich um eine Wiederaufnahme. Die Not spiegelte sich auch bei Festarbeiten wider:
„Am 9. Mai 1948 beging die Loge ihr 177. Stiftungsfest mit einer Festloge im Ordenshaus. Geleitet wurde diese Arbeit durch den weisen Ordensarchitekten und 2. Landesgroßmeister und Vorsitzenden unserer JL Br. Bruno Rogorusky. Man musste sich drei Hämmer und weitere Ritualgegenstände von anderen Logen borgen. Für die anschließende Tafelloge musste jeder Bruder folgende Lebensmittelmarken abgeben: 50 gr. Fleisch, 50 gr. Nährmittel, 10 gr. Fett und 200 gr. Kartoffeln.“

Im Jahr 1958 wurde Georg Frommholz zum Logenmeister gewählt. In diesen schwierigen Zeiten neu beginnend hat sich unser Loge dann langsam aber stetig zu dem entwickelt, was sie noch heute ist und wie wir sie heute kennen. Es wurden erste Logenreisen unternommen und Kontakte geknüpft, zu Festarbeiten begannen sich wieder besuchende Brüder aus dem In- und Ausland einzufinden.

Das Ordenshaus der GLLdFvD

Das Ordenshaus der Großen Landesloge in Berlin-Dahlem – die heutige Heimat unserer Loge

Im Jahr 1965 bezog die Große Landesloge das neue Ordenshaus in Berlin-Dahlem, in dem seitdem auch unsere Loge ansässig ist.
Das 200. Stiftungsfest am 21. März 1972 wurde mit über 200 Gästen gefeiert.

Zu guter Letzt

Wir leben heute -hier und jetzt- auf einem gesegneten Fleck unserer Erde. Schauen wir zurück, so sehen wir Brüder, die zu ihrer Zeit immer wieder allen möglichen Widrigkeiten trotzen und Herausforderungen begegnen mussten, um ihre Arbeit am freimaurerischen Bau mit Weisheit, Stärke und Schönheit fortzusetzen.

Unsere Brüder der ersten Stunde um unseren Logengründer Jester wären sicher erstaunt, in was für einer Welt und in was für Zeiten „ihre“ Loge heute arbeitet. Und vielleicht wären sie auch ein wenig stolz darauf, wie viele der freimaurerischen Ideale sie hier verwirklicht sehen könnten: Wir leben und arbeiten in einer Stadt, in der fast dreieinhalb Millionen Menschen aus 190 Nationen, mit unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Hintergründen, überwiegend friedlich und tolerant zusammenleben. Der Todtenkopf und Phoenix pflegt Kontakte zu Logen auf nahezu allen Kontinenten der Erde. Der technische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte macht das Wissen der Welt für Milliarden von Menschen zugänglich.

Ungeachtet dessen wird es auch im 21. Jahrhundert noch genug Arbeit für uns alle geben – die Menschheit steht vor vielen neuen Herausforderungen. Ideale wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mögen uns heute teilweise selbstverständlich vorkommen, müssten jedoch selbst dort, wo sie bereits Wirklichkeit geworden sind, bewahrt, verteidigt und immer wieder neu errungen werden. Die Freimaurerei kann und wird dazu auch zukünftig beitragen.

Dank des ungebrochenen Engagements aller unserer Brüder über alle Epochen hinweg gilt auch heute noch: „Die Loge – sie lebe!“

 

LITERATURVERWEISE FÜR DEN ARTIKEL

  • Geschichte der St. Johannis Loge Zum Todtenkopf und Phönix, 1887 bis 1934
  • Alec Mellor, Logen Rituale Hochgrade, Handbuch der Freimaurerei, Sonderdruck 1985,
  •  dtv-Atlas Weltgeschichte, Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Deutscher Taschenbuchverlag, 3. Auflage 2010
  • Dieter A. Binder, Die Freimaurer, Ursprung, Rituale und Ziele einer diskreten Gesellschaft; Verlag Herder Freiburg im Breisgau, 2. Aufl 2006
  • Dieter A. Binder, Die Freimaurer, Geschichte, Mythos und Symbole; Marix-Verlag, Wiesbaden 2009
  • Gesetzbuch der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, fünfte berichtigte Ausgabe 1985
  • Johann, Wolfgang von Goethe, West-oestlicher Divan, Deutscher Taschenbuchverlag, Sonderausgabe 2006, 2. Auflage 2011